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«Von hier»
An einem Freitag vor Pfingsten sollte man keine Konzerte organisieren. Auch dass ein Ensemble Recherche spielt, auch dass ihr Programm «Von hier» heisst, hilft dann wenig. Wir – harter Kern der Basler Neue-Musik-Interessierten – waren da und haben uns nichts vorzuwerfen.
«Von hier» heisst in diesem Kontext nicht Basel, sondern Freiburg. Aus Freiburg stammt nicht nur das Ensemble, sondern auch alle Komponisten des Abends. (stammen = momentan leben und wirken in).
Alexander Grebtschenko versucht in seinem Stück Folgen. Folgen!, das in Uraufführung erklingt, etwas nicht so recht Folgenreiches: das Trio mit Flöte, Klarinette und Oboe erklingt gleichzeitig zu einer vorher eingespielten Version auf Tonband, der die Aufführenden als absolute Spur zu folgen haben. Natürlich erstaunt die perfekt ausgeführte Parallelität ebenso wie die kleinen Abweichungen zur regelmässigen Weckschelle dämmernden Hörbewusstseins werden. Die zweite Ebene, merkt der Komponist an, liegt in «Regeln, die sich gegenseitig beeinflussen, widersprechen und/oder teilweise aufheben». Das ist freilich zu abstrakt formuliert, um wirklich nachvollziehbar zu sein. So spannend das auch konzipiert scheint, so hölzern wirkt dieser Bläsersatz leider.
Von Oscar Garrido de la Rosa, Mitglied des Ensembles chronophobie, erklingt Trio (2001) für Oboe, Klarinette und Differenzton. Keineswegs der erste, der sich der Frage der Differenztöne annimmt, gelingt Garrido de la Rosa eine schöne Übung, die den Interpreten eine Menge Atem abfordert. (überhaupt stellen sich hier Fragen: wieso hört man Differenztöne erst ab einer bestimmten Lautstärke; haben DT’s eine Klangfarbe; gehören sie zum Bereich der Physik oder der Psychoakustik? Wer sich für die technischen Seiten dieser Fragen interessiert, kann dieses Projekt vergleichen).
Sebastian Claren, Feldman-Experte (ja, ein sehr schönes Buch!), Musikwissenschaftler, Komponist legt mit Potemkin 1: Baby Baby (2003/04) ein ambitioniertes Projekt vor, das sich auf Sergei Eisenstein beruft. Im Glanz der Möglichkeiten, die der Filmkunst eigen sind, möchten andere Künste und Künstler gerne mitschimmern. Gerne zeigt man sich technisch beeinflusst: «Schnitt! Montage!». Wie leicht und fundamental das danebengehen kann, zeigt momentan Olga Neuwirths Gastspiel in Basel. Claren macht das einerseits subtiler, indem er instrumentale Gesten auf Themengruppen des Films bezieht, unterliegt andererseits einem ähnlichen linearen Übersetzungsfuror wie Neuwirth. Kameraeinstellungen auf Lautstärkegrade zu übertragen, wie kommt man auf so eine Idee? Filmische Schnittfolgen unverändert in eine musikalische Dramaturgie zu verwandeln, so dass diese musikalisch sinnvoll und zusammenhängend bleibt, dürfte ein utopisches Unterfangen sein. Selbstverständlich hat Claren solche Fragen durchdacht, er schreibt einen klugen Text zu seinem Stück, der mir jedoch kaum hilft, aus dem, was da in verschiedenen Intensitätsgraden in die Ohren dringt, schlau zu werden.
Wird aus dem Projekt ein Zyklus? Haben wir nur einen Teil daraus gehört?
Zwei sehr schöne Stücke von Cornelius Schwehr runden die beiden Teile des Abends ab: acompañado (vice versa) (2002) für Violoncello und Akkordeon, und da capo (1986) für Oboe Violoncello und Klavier. Beide sind unaufdringliche, ausgewogene Strukturübungen, bei beiden lässt sich die Grundidee bereits aus dem Titel ablesen. da capo weist verschiedene Form- und Wiederholungsverläufe auf, die Instrumentalisten legen sich für jede Aufführung auf einen fest. (Schwehr zitiert Musil: "Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben".). In kurzen Anläufen - immer neu aufgenommenen Gesten - wird hier reflektiert, wie Vorausgegangenes Momentanes beeinflusst, bedingt oder verändert. Das ist eine Grundfrage musikalischen Strukturzusammenhangs, und es zeigt sich fruchtbar, diese einmal nicht formal anzugehen ("Form" hat immer das ganze im (Über)-Blick), sondern hörend abzuschreiten.