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Ein Dichter aus Agrigent
Zuerst halten wir ihn für jenen alten Sizilianer, der ein ständiger Begleiter des Reisens in den oder aus dem Süden ist. Er hat auch alle Anzeichen dafür: den eigenen Rotwein in der kleinen Plastikflasche, Salamischeiben, Brot. Eine alte Anzugsjacke, eine karierte Mütze. Er aber ist ein Dichter aus Agrigent.
Seine kleinen Augen tasten unerlässlich die Umgebung nach Zuhörerschaft und Stichworten ab. Zu jedem Stichwort rezitiert er darauf eines seiner Gedichte. Auch wenn er dazu keine Gelegenheit hat, bleibt seine Mitteilungsfreude grenzenlos. Wer er ist, wer wen geheiratet habe, ob wir diesen oder jenen allenfalls kennen würden. Von Uhrzeit und Mageninhalt ganz zu schweigen. Während er «sass», habe er Latein gelernt. Wie zum Beweis dafür betet er so schnell er kann das griechische Alphabet herunter.
Er hängt sich schief in den Sitz, um in M.'s Buch mitlesen zu können. Er rutscht herunter, um den Titel des meinigen zu entziffern. Das gibt ihm die Frage auf, ob es deutsch oder englisch sei. «Doitsch», meint nun seinerseits ein alter Herr, der im übrigen kurz darauf den Fehler begeht, sich auf eine politische Diskussion mit dem Dichter einzulassen. Ein minutenlanges politisches Lehrgedicht schliesst sich an (was sich alles auf Berlusconi reimt!). Er schweigt effektvoll und verkündet dann, mit vorfreudig glänzenden Augen, er sei für die Todesstrafe. Jetzt hat er uns aber erschreckt!
Kurz vor Mailand, nachdem er noch in anderen Abteilen Hofstaat gehalten hat, wird er von einem Herrn nach seiner Adresse gefragt. Freundlich hat dieser geklopft, ihm complimenti gemacht, sich nach Details erkundigt. Und plötzlich stelle ich mir vor, dass der mit seinem gepflegten Italienisch ein Mailänder Verleger ist, der sich nun die Finger reibt und sich freut; eine naive sizilianische Perle, so etwas Urwüchsiges aus dem Süden, das passt doch immer ins Verlagsprogramm...