Karl der Kühne ist da durchgerasselt und 1814 ging's gegen Napoleon. Und Bourbaki, 1871.
"Bourbaki", hab ich später immer in den Mathematikvorlesungen gedacht, "klar, mein Kollege."
Zu den grössten literarischen Verletzungen der Jugend gehörte aber, dass Stendhals Le rouge et le noir sich nicht in diesem langgezogenen Grenzdorf abspielte, durch das wir auch bisweilen nach Frankreich eingefallen sind: "La petite ville de ... peut passer pour l'une des plus jolies de la Franche-Comté." Ach, die verpassten Gelegenheiten des Fiktionalen!
Weil man für die Textmaschine eben keinen Techniker rufen kann. Weil deren bewegliche Teile und Energieversorgung im Text selbst liegen, und er gerade dadurch zum einzig denkbaren perpetuum mobile wird - um den Preis des Irreparablen.
Eigentlich muss man ihn einfach lesen, ja, das kann man auch so sagen.
Salvatore Sciarrino: Le ragioni delle conchiglie per quintetto (1986)
["Die Rechte der Schnecken"? Politische Musik von Sciarrino!? Nein, nein: "Die Ursachen der Muscheln"]
In den Flageolette-Klängen der Streicher verbergen sich Klangwelten von bizarrem Schliff. Sedimentierte Musikgeschichte, Muschelkalk.
Friedemann A. Treiber: Perspektiven nach Skulpturen von Sibilla Caflisch für Flöte, Violine, Bassklarinette und Kontrabass (2003/04)
Bundfaltenmusik
Gérard Grisey: Vortex Temporum pour 6 musiciens (1994-96)
Ein 40-minütiger Zeitwirbel, eine gnadenlose chemische Bewusstseinserweiterung, gefährlich, wunderschön.
Ensemble Phoenix Basel, Gare du Nord.
Edgard Varèse: Ionisation für dreizehn Schlagzeuger (1931)
Amadeo Roldán: Rítmicas V und VI für Schlagzeug-Ensemble (1930)
Henry Cowell: Return für drei Schlagzeuger (1939)
André Jolivet: Cérémonial (Hommage à Varèse) für sechs Schlagzeuger (1966)
James Tenney: Crystal Canon for Edgard Varèse für vier Snare-Drums (1974)
Malcolm Goldstein: Sirens for Edgard Varèse für Orgel, Klavier und Autohupen (1965)
mit dem Basler Schlagzeug-Ensemble. Eine feingehämmerte, klangüberfliessende Kupferschale ist mein Kopf nun.
Nachtstrom, das heisst: Studierende des Elektronischen Studios präsentieren neueste Arbeiten in der Gare du Nord. Es lohnt sich immer, da hinzugehen - manchmal noch ein bisschen mehr, etwa wenn Chikashi Miyami neben einem kurzen Tonbandstück (Piano chimera) Improvisationen auf selbstentwickelten Sensorinstrumenten vorstellt. Er nennt jene Qgo (in der Art von Klang-Handschuhen) und Tosso (ein Streich-, Klopf-, Säge-, und Neige-"Cello"). Besonders im Solo-Stück keo wird die Funktion von Sensor-Instrumenten, die sich ja von traditionellen Instrumenten grundsätzlich unterscheiden, sichtbar: die ins Mikrophon gesprochenen eigenen Sprachereignisse verformen sich unter den Handbewegungen erst zum Improvisationsfluss. Die unter der Mikroelektronik liegende Körperlichkeit teilt sich unmittelbar mit: der Tanz ist Steuerung der Sensorik und Performance zugleich.
Als lehrreiches Experiment zeigt sich auch der Versuch des Studios, mit Live-Programmierung zu arbeiten. Vier Interpreten haben lediglich ihren Computer zur Verfügung und müssen sich ihre Instrumente zuerst einmal herstellen, um Klänge erzeugen zu können. Die vier MSP-Arbeitsflächen füllen sich schnell mit Filtern, Oszillatoren, einem Gewebe von Schaltstellen und Parametern. Es ist noch nicht wirklich feinabgestimmte Improvisation, wirkt aber derart kurzweilig, dass ich mir nur eines wünschen kann: üben und wiederholen!